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Eine Tochter aus gutem Hause

Die Reise beginnt wie einer dieser Städtetrips, den Eltern und ihre erwachsenen Kinder heute wieder miteinander erleben. Seit Eltern und Kinder - zumindest gefühlt - keine ganze Generation mehr trennt, seit die Alten bei den Jungen auf den Partys mitfeiern und sich Vater und Mutter in Elternabenden an der Universität nach den Leistungen der Kinder erkundigen, liegt es nahe, dass man eben mit Mama und Papa verreist oder, je nachdem, mit den Kindern, mit Giovanni, dem Sohn, und Carolina, der Tochter. Um Letztere geht es.

Gestern ist sie mit ihrer Familie aus Mailand in Berlin gelandet. Nur kümmert sich Carolina Castiglioni, 32 Jahre alt, als Tochter auch um die „Sonderprojekte“ der italienischen Modemarke Marni. Bei den Castiglionis ist die Familie Teil des Geschäfts. „Mein Vater ist der CEO, meine Mutter die Designerin, und mein Bruder arbeitet im Verkauf“, fügt sie selbst hinzu. Der Aufenthalt in Berlin ist also nicht privater Natur, und dennoch steckt viel Privates im Label Marni.

Um das zu erkennen, dafür muss man nicht nach Mailand fahren. Der Blick zum Gegenüber am Cafétisch in Berlin genügt. Hinter einer Tasse Tee sitzt da Carolina Castiglioni, allein, ohne den Rest der Familie. Ihre braunen Haare, die bis weit über die Schultern reichen, sind eigenwillig lang. Die Querstreifen auf ihrer Strickjacke - besonders bunt. Und ihre schwarzen Dr.-Martens-ähnlichen Schnürschuhe an den Füßen - vor allem schwer.

„Strategische Kreativität
Der Auftritt der Tochter an diesem Nachmittag erzählt auch vom Stil des Labels. Carolina Castiglioni sieht nicht wie ein verrücktes Huhn aus. Mit ihrem Hauch Exzentrik schwebt sie lediglich ein paar entscheidende Zentimeter über dem Boden. „Ich trage Marni, meine Mutter trägt Marni“, sagt die Tochter. Und wenn Kunstlehrerinnen reich und schick wären, würden auch sie Marni tragen, so schrieb es das „New York Magazine“ über die sympathisch verschrobene Ästhetik, die im Kern jeder Kollektion von Mutter Consuelo Castiglioni steckt. Zu blauen Röcken mit Gitterdruck würden diese Kunstlehrerinnen, ohne mit der Wimper zu zucken, rote Hemden mit ähnlichen versetzten Gittern kombinieren. Zum weiten Oberteil würden sie keine schmale Hose wählen, sondern ein ebenso voluminöses Unterteil. Und dem Auftritt in Waldgrün gehört Babypink entgegengesetzt.

 

Natürlich könne sie auch zeichnen, sagt Carolina über sich selbst. „Gut, nicht wirklich“, gibt sie schnell zu, sie nennt es lieber „strategische Kreativität“, der sie im Modehaus nachgehe. Die sei für eine Marke mindestens so bedeutend wie das Design. „Wer an einer Modekollektion arbeitet, muss alle sechs Monate komplett von vorne beginnen“, sagt sie.

Das Erbe ist mehr Segen als Fluch
Castiglioni ist nicht der Mensch, der gerne immer wieder die Wände einreißt. Im Gegenteil, zwischen die Grundmauern setzt sie lieber das Dekor. Also gibt sie mit sechs Mitarbeitern das hauseigene Online-Magazin „Anticamera“ heraus, dreht Filme und kümmert sich darum, dass man Marni auch im Netz kaufen kann, dass man Marni nicht nur anziehen, sondern dass man auch auf Möbelstücken der Marke sitzen und dass man nun nach Marni riechen kann - mit einem Parfum, das entschieden würzig riecht. „Meine Mutter kann süße Düfte nicht ausstehen“, sagt Castiglioni. „Blumen, Süßigkeiten, all das mag sie nicht, und ich stimme ihr zu.“

Möglich, dass Modeerben in die Wiege gelegt worden ist, vom Verhalten der Eltern, sich alle halbe Jahre neu zu erfinden, die Finger zu lassen. Genau das ist auch für das Entwerfen einer Kollektion nötig, und wenn Vater oder Mutter schon rebellieren, muss ja irgendjemand den Besitz verantworten. Nur, im Gegensatz zu anderen Modeerben Italiens, von denen es wegen der etlichen Modefamilien dort besonders viele gibt, hat Castiglioni als strategische Kreative eine Nische gefunden, mit Hilfe des Internets, den Filmen oder den Möbeln. Das Erbe sei mehr Segen als Fluch, sagt sie.

„Es ist schön, etwas gemeinsam zu schaffen“
Indem die Generation der Tochter den Eltern also näher ist als viele zuvor, da sie mit ihnen auch privat in den Urlaub fährt oder auf Partys feiert, mag es leichter fallen, als Familie gleich zusammenzuarbeiten - oder gemeinsam zu essen. Denn während in der Firmenzentrale von Marni etwa 100 Leute arbeiten, treffen sich die vier Castiglionis an einem Tisch zum Essen, komme was wolle. „Jeden Tag, immer zum Mittag, da haben wir dann die Möglichkeit, die Dinge zu besprechen. Es ist schön, etwas gemeinsam zu schaffen“, sagt sie mit einer derartigen Gelassenheit, dass Gezeter und Schreierei in dieser Familie wohl unbekannt sind. Die Tochter bestätigt, dass sie ihren Eltern nahesteht. „In dem Ort in den Bergen, wo wir für gewöhnlich hinfahren, gibt es einen Nachtclub. Da tanzen alle zusammen, die Eltern und die Freunde. Als meine Eltern jung waren, wäre es undenkbar gewesen, dass man sie da mit meinem Großvater angetroffen hätte.“

Dann am Abend, das Gespräch ist zu Ende, der Tee in der Tasse längst ausgetrunken, trifft man die ganze Marni-Familie auf derselben Party. Auch die Feier ist, wie der gesamte Städtetrip, Teil des Geschäfts, denn hier soll auf das Parfum angestoßen werden. Dennoch geben sich die Castiglionis so offen wie auf einer ausgelassenen Privatparty. „Ich wusste, was ich nicht wollte“, sagt die Mutter Consuelo entschlossen über die Duftnoten des Parfums. Dass der Diesel-Eigentümer Renzo Rosso vier Wochen zuvor Mehrheitsanteile des Unternehmens gekauft hat, trübt die Stimmung nicht, im Gegenteil. „Wir sind gute Freunde“, sagt Carolinas Vater Gianni Castiglioni. „Wir fahren zusammen in den Urlaub und spielen gegeneinander Fußball. So etwas funktioniert nur in Italien“, sagt er und lacht. Seine Tochter Carolina steht nur ein paar Meter weiter. Und auch in ihrer Lebenseinstellung steht sie ihrem Vater ja nahe. „Wir Kinder sind nicht älter“, sagt sie über ihre Generation. „Unsere Eltern sind heute jünger. Das stimmt wirklich.“

20.3.16 15:22
 
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